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"Insel
der Glückseligen"
Neugierig sitzen die Schüler der 12. Klasse im Mehrzweckraum
und warten. Nach einigen Minuten betritt Hellmut Stern den Raum.
Ein freundliches Lächeln, eine persönliche Begrüßung
für den etwas zu spät kommenden Schüler und schon
fängt er an, seine Geschichte zu erzählen. Immer wieder
bezieht er sein Publikum mit ein, fragt nach Musikern oder aber,
ob jemand weiß, wo Königswusterhausen liegt. Nach und
nach zieht er jeden in seinen Bann. Er macht bewusst, wie glücklich
wir uns schätzen müssen, in einem friedlichen Land mit
einer stabilen politischen Ordnung zu leben. Im Vergleich zu vielen
anderen Staaten auf der Welt ist Deutschland in seinen Augen die
"Insel der Glückseligen". Kaum jemand dürfte
dies so gut beurteilen können wie er:
Seine Kindheit verbrachte Hellmut Stern in Berlin, wo er 1928 geboren
wurde. Als 1933 die "Raubmörder", wie Hellmut Stern
die Nationalsozialisten bezeichnet, die Macht ergriffen, wurden
die Zeiten für ihn und seine Familie schwierig, da sie dem
jüdischen Glauben angehören. Schon 1933 ahnte sein Vater,
dass sie nicht mehr lange in Deutschland bleiben können. Doch
bis 1938 besuchte Hellmut Stern eine jüdische Volksschule in
Berlin. Als er am Morgen nach der Reichspogromnacht 1938 zur Schule
ging, musste er jedoch feststellen, dass die Schule in Flammen stand.
Aufgrund der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten
floh seine Familie am 21.11.1938 zunächst nach Shanghai. Schon
in Berlin hatte seine Mutter ein Visum für Harbin, im Nordosten
Chinas, besorgt.

In Harbin angekommen, erhält Hellmut Stern auch Geigenunterricht.
Dazu erzählt er eine kleine Anekdote: In Harbin lagen im Winter
die Temperaturen häufig um die minus 20 Grad. Auf dem langen
Weg zum Geigenlehrer wurden seine Finger so kalt, dass er kaum die
Schlösser des Geigenkoffers öffnen konnte. Als der Lehrer
daraufhin vermutete, er würde so langsam auspacken, weil er
nicht geübt hatte, war er zu schüchtern, um ihm die Wahrheit
zu erzählen. Deshalb musste er, ohne eine Unterrichtsstunde
bekommen zu haben, wieder nach Hause gehen.
Nach und nach begann Hellmut Stern durch das Geigespielen bei Hochzeiten
und anderen Festlichkeiten den Lebensunterhalt der Familie mitzuverdienen.
Nach elf Jahren in Harbin konnte die Familie endlich nach Israel
ausreisen. Dort arbeitete Hellmut Stern weiter als Musiker in Gruppen,
die in Bars und Hotels auftraten, bis er eines Tages durch Zufall
den bekannten Violinisten Isaac Stern kennen lernte. Dieser verschaffte
ihm die Möglichkeit, beim Israel Philharmonic Orchestra vorzuspielen,
in welches er aufgenommen wurde.
Einige
Jahre später ging er in die USA, da sein Vater dort erkrankt
war. Er musste zunächst als Schuhverkäufer und Barpianist
arbeiten, später spielte er in Orchestern in St. Louis und
New York.
1961 kehrt Hellmut Stern nach Berlin zurück. Dort ist er bis
1994 erster Geiger bei den Berliner Philharmonikern und ist maßgeblich
daran beteiligt, dass das Orchester 1990 eine Tournee durch Israel
macht.
Plötzlich sieht Hellmut Stern auf die Uhr und merkt, dass die
zwei Stunden fast vorbei sind. Schnell hängt er noch eine Geschichte
an, die er zwar humorvoll erzählt, die Schüler aber ernsthaft
zum Nachdenken bringt. Es ist die Geschichte, wie er vor einer Jugendgruppe
in der Nähe von Berlin saß, die sich selbst als rechtsextrem
bezeichnet und über den langen Erkenntnisprozess eines Gruppenmitglieds,
dass er ja "eigentlich einer von ihnen ist".
Auch nachdem der Vortrag vorbei ist, beantwortet Hellmut Stern geduldig
die Fragen der Schüler. Lange noch unterhält er sich mit
einer musikbegeisterten Schülerin über die großen
Orchester und die Schwierigkeiten, dort hineinzukommen.
(Rebecca Kottmann)
Hellmut Stern zu Gast beim Biesdorfer Forum
Am 20.01.11
besuchte Hellmut Stern das St.-Josef-Gymnasium in Biesdorf. Mit
einem Vortrag brachte der ehemalige erste Geiger der Berliner Philharmoniker
Schülern, Eltern und Lehrern seine Geschichte näher. Gesponsert
wurde die Veranstaltung vom Verein der Freunde, Förderer und
Ehemaligen des St.-Josef-Gymnasiums e.V. und der Bibliothek der
Dr.-Hanns-Simon-Stiftung.
Nachdem Hellmut Stern im ersten Teil seines Vortrags sein Leben
bis zu seiner Aufnahme bei den Berliner Philharmonikern geschildert
hatte, stand im zweiten Teil vor allem seine Zeit bei den Philharmonikern
im Fokus.

Eingehend schildert er die Zeit, in der Herbert von Karajan das
Orchester dirigierte. Während er zunächst die gute Zusammenarbeit
lobt, geht er aber auch auf das spätere Zerwürfnis 1989
ein, in dessen Rahmen Herbert von Karajan das Orchester verließ.

Im Anschluss an den Vortrag signierte Hellmut Stern noch zahlreiche
Exemplare seines Buchs "Saitensprünge" und versprach,
seinen Besuch bald zu wiederholen.
(Rebecca Kottmann)

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